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Rebekka Leibbrand: weltwärts Quartalsbericht I, Visconde de Mauá, Brasilien
Rebekka Leibbrand
Weltwärts - Quartalsbericht I (August - Oktober 2009)
Visconde de Mauá, Brasilien
Entsendeorganisation: VNB e.V., Hannover
Nordpartner: Mirantao e.V., Ostrhauderfehn
Südpartner: Mestre Claudio, Resende & Colégio Antonio Quirino, Mauá, Brasilien
Erstens kommt alles anders...
Weltwärts bei einem Capoeirameister in Brasilien -meine absolute Traumstelle! Beim täglichen
Training mit Kindern und Jugendlichen werde ich helfen und lernen zugleich. In meiner Freizeit werde
ich reisen, musizieren und tanzen, die Sonne wird mich bräunen, und die Brasilianer werden mich
anstecken mit reißenden Sambarhythmen und einer unermüdlichen Lebensfreude.
Mit dieser Vorstellung im Kopf reiste ich im August nach Brasilien. Gemeinsam mit Nico und John, zwei
anderen Weltwärts-Freiwilligen, sollte ich mir den ersten Monat ein Haus in dem kleinen Bergdorf
Mauá teilen, bis ich was Eigenes in der Stadt Resende, dem Wohn-und Arbeitsort des Mestre, finden
würde. Die beiden Abiturienten sollten hauptsächlich das Peerleaderprojekt im Dorf und die damit
verbundene Kooperation mit unserem deutschen Nordpartner „Mirantao“ unterstützen.
Tatsächlich wurden wir in Mauá sehr herzlich empfangen. Die drei vorigen Weltwärts-Freiwilligen
hatten eine Party organisiert, um zugleich ihren Abschied und unser Willommen zu feiern. So kannten
wir in null Komma nix das halbe Dorf.
Die darauf folgenden Wochen gestalteten sich jedoch
wesentlich schwieriger als angenommen. Zunächst auf Grund
der kursierenden Schweinegrippe, dann wegen eines
Lehrerstreiks war die Schule geschlossen. Die Schüler und
Lehrer wohnen weit verstreut in den umliegenden
Siedlungen. Wenn kein Unterricht stattfindet, fahren auch
keine Schulbusse, und das Dorfzentrum, das lediglich aus
einer Straße besteht, bleibt relativ ausgestorben.
Mauá Zentrum
Unsere Ansprechpartnerin und Projektkoordinatorin vor Ort, Léa Caban, versuchte uns das Ankommen
zu erleichtern. Wir waren jedoch quasi arbeitslos, und es fehlten Anknüpfungspunkte, um neue
Bekanntschaften zu schließen. So mussten wir alleine das Dorfleben erkunden. Außer ein paar
Kneipen hat Mauá jedoch nicht viel zu bieten. Und so schön es ist, das eine oder andere Bier mit den
Dorfbewohnern zu trinken, so erreicht der gemeinsame Gesprächsstoff schnell seine Grenzen, und der
Alkoholkonsum geht grundsätzlich weit darüber hinaus. Zudem war es in den ersten Wochen
unglaublich kalt hier oben auf 1000m Höhe. Bei Regen und ohne Brennholz haben wir so einige
Abende fröstelnd in unserem Wohnzimmer verbracht.
Der eigentliche Schatz, den die Region zu bieten hat, ist die
Natur. Die Landschaft ist herrlich: Es ist grün und bergig, es
gibt zahlreiche Wasserfälle und viele Früchte, Pflanzen und
Tiere, von denen wir in Deutschland noch nie etwas gehört
haben. Ohne Fahrzeug und ohne Ortskenntnisse sitzt man in
Mauá jedoch fest. So blieben selbst die Berge und Wälder
zunächst einmal unerreichbar.
Blick auf Mauá
Rebekka Leibbrand: weltwärts Quartalsbericht I, Visconde de Mauá, Brasilien
ARBEITSFELDER
1. Capoeira
Mit dem Beginn des Schulunterrichts, ging auch das
Capoeiratraining bei Contra-Mestre Dedé wieder los. Dedé hat
die Gruppe, die Mestre Claudio vor vielen Jahren aufgebaut
hat, übernommen, und unterrichtet nun in den drei
Hauptdörfern Mauá, Maringa und Marromba. Das
Capoeiratraining findet außerhalb des Schulunterrichts als
freiwilliges Angebot statt. Um allen Kindern die Teilnahme zu
ermöglichen, passt Dedé sich den Unterrichtszeiten der
Schule an und bietet das Training ebenfalls in drei Schichten
morgens, mittags und abends an.
Dedé wohnt wie auch der Mestre in Resende. Eine einfache Busfahrt dauert mindestens 1,5 Stunden.
Die Busse von Resende nach Mauá fahren circa fünfmal täglich; zwischen den Dörfern fahren lediglich
die Schulbusse. So muss Dedé seine Trainingszeiten genau auf die Fahrpläne abstimmen, um von
einem Trainingsort zum anderen zu gelangen. Der letzte Bus in die Stadt fährt bereits um 20 Uhr.
Nach dem Abendtraining schläft Dedé darum zweimal pro Woche bei uns im Dorf.
Die Trainingsräume sind kläglich. In Mauá trainieren wir in
einem Schuppen mit rauem Betonfußboden, einem maroden
Wellblechdach und ohne Wand oder Windschutz. So sind
schon einige Trainings im wörtlichen Sinne ins Wasser
gefallen. Auch die Ausstattung mit Instrumenten lässt sehr
zu wünschen übrig. Die Prefeitura (lokale Regierung) hat
schon vor einigen Jahren die Gelder gestrichen. Darum
unterrichtet Dedé derzeit unbezahlt. Diese Situation ist auf
lange Sicht unhaltbar. Dedé schien bisher allerdings wenig
Eigeninitiative zu zeigen, Gelder zu beantragen. Er hoffte
immer auf Unterstützung vom Mestre oder aus Deutschland.
Der Mestre hat jedoch selber wenig Geld, und es ist
schwierig mit deutschen Projektgeldern ein regelmäßiges Gehalt auszuzahlen. Mirantao hat bereits
Capoeiraprojekte gefördert, bei denen Gelder geflossen sind, aber damit wird keine Nachhaltigkeit
erlangt. Außerdem bin ich der Meinung, dass die Grundstrukturen möglichst mit einheimischen
Geldern geschaffen werden sollten, um ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zu vermeiden. So habe
ich Dedé ermuntert, selber aktiv zu werden. Nun hat er tatsächlich seinen Lebenslauf bei zwei der drei
zuständigen Prefeituras eingereicht und wird mit etwas Glück ab dem kommenden Jahr ein Gehalt
bekommen. Parallel sind wir mit der Gemeindevertreterin im Dorf über Möglichkeiten einer
Renovierung des Capoeiraschuppens im Gespräch.
Zu meiner großen Enttäuschung gibt der Mestre schon seit einem knappen Jahr kein Capoeiratraining
mehr in Resende. Die Gelder für die Arbeit mit den Straßenkindern wurden von der Regierung
eingestellt. Die Arbeit, für die ich mich eigentlich beworben hatte, findet also gar nicht statt! Hier gab
es eine klare Fehlkommunikation zwischen dem Mestre, dem Colegio in Mauá und meinem deutschen
Nordpartner Mirantao.
Stattdessen begleite ich den Mestre bei seiner Arbeit in drei psychiatrischen Tageskliniken in Resende.
Es handelt sich um eine Kinder-und Jugendklinik, eine psychiatrische Klinik für Erwachsene und eine
Entzugsanstalt für Erwachsene mit Suchtproblemen. Bei unseren Workshops bieten wir im Rahmen
der Möglichkeiten verschiedene Elemente aus der Capoeira an. In der Erwachsenenklinik beschäftigen
wir uns hauptsächlich mit dem Theater „Puxada de rede“ (s.u.), in der Entzugsanstalt stellt der Mestre
zusätzlich zu Musikinstrumenten auch Material für kunsthandwerkliche Arbeit bereit, und mit den
Kindern spielen wir gelegentlich auch einfach Fußball.
Die Arbeit in den Kliniken gefällt mir. Meiner Ansicht nach wäre aber trotz eingeschränkter Fähigkeiten
zumindest bei den Kindern und in der Suchtklinik ein vernünftig strukturiertes und körperlich
anstrengendes Training sinnvoll, um die Patienten physisch wie psychisch zu fordern und zu stärken.
Roda de Capoeira
Trainingsraum Mauá
Rebekka Leibbrand: weltwärts Quartalsbericht I, Visconde de Mauá, Brasilien
2. Theater
Theateraufführung „Puxada de rede“
An einem Nachmittag unterstütze ich Mestre Claudio bei
seinem Jugendtheaterprojekt an der Schule in Mauá. Es
handelt sich um „Puxada de rede”, ein folkloristisches Theater,
welches in vielen Capoeira Aufführungen zu sehen ist. „Puxada
de Rede“ (wörtl. das Ziehen des Netzes) ist ein traditioneller
Tanz, der schauspielerisch das einfache Leben der
brasilianischen Fischer darstellt. Der Tanz wird in Kombination
mit Live-Musik und leidenschaftlichen Gesängen vorgeführt,
die von der natürlichen Schönheit und dem täglichen Kampf
ums Überleben der Fischer erzählen.
Die Theaterarbeit macht Spaß, und ich kann mich konstruktiv in den Probenprozess einbringen.
Während der Peerleaderwochen (s.u.) hatten wir bereits eine Aufführung, die den Gruppengeist und
die Motivation gestärkt hat.
Das Projekt wird im Rahmen von ProJovem, einem nationalen Bildungssozialprogramm der
brasilianischen Regierung, gefördert. Dieses Programm möchte sozial schwächer gestellte Jugendliche
zwischen 15 und 17 Jahren in Form verschiedener soziokultureller Projekte für ihre soziale, kulturelle,
politische und ökologische Umwelt sensibilisieren und auf die Arbeitswelt vorbereiten.
Das Programm ist noch in der Pilotphase, weshalb es noch nicht ganz ausgereift zu sein scheint. Uns
ist jedoch eine Sozialarbeiterin zur Seite gestellt, die unsere Arbeit gemeinsam mit den Jugendlichen
evaluieren und reflektieren soll. Neben dem Theaterprojekt gibt es auch ein Foto-und Filmprojekt am
Colégio in Mauá. Bei unserer ersten Teambesprechung letzte Woche wurde auf meinen Vorschlag hin
beschlossen, dass wir die praktische Theater-und Fotoarbeit in einen größeren Rahmen einbetten
wollen. Wir wollen die beiden Projekte enger miteinander verknüpfen, den historischen Hintergrund
des Theaters näher erörtern und darstellen, Exkursionen zu Kulturevents in die Stadt machen und
verschiedene Berufsgruppen aus dem Kulturgewerbe vorstellen. Ich hoffe, diese Pläne lassen sich
realisieren.
3. Peerleader
Meine weltwärts-Stelle ist nur ein kleiner Posten im Rahmen einer größeren Kooperation zwischen
meinem deutschen Verein Mirantao und der Schule hier in Mauá. Mirantao ist ein Verein in dem
kleinen Dorf Ostrhauderfehn bei Leer in Ostfriesland. Der Verein wurde vor vielen Jahren von dem
Haupt-und Realschullehrer Harald Kleem gegründet, um außerschulische Bildungsarbeit für die
Dorfjugend zu leisten. Ein Schwerpunkt liegt auf dem interkulturellen Lernen. So hat er im Laufe der
letzten zehn Jahre eine Dreiecks-Kooperation zwischen Deutschland, Brasilien und Südafrika
aufgebaut. In allen drei Ländern gibt es kleine Jugendgruppen, die sich unter dem Projektnamen
„Peerleader“ mit verschiedenen Themen wie Gesundheit, Heimat oder Umwelt auseinandersetzen.
Einmal im Jahr findet ein Treffen der drei Länder statt, wo
sich die Gruppen untereinander austauschen. Dieses Jahr
sollte das Treffen eigentlich in Afrika stattfinden, doch da die
alte langjährige Kooperation geplatzt ist und nun eine neue
aufgebaut wird, wurde das Treffen kurzfristig nach Brasilien
verlegt. So hatten wir zwölf Tage lang Besuch von einer
Gruppe von deutschen Jugendlichen sowie einigen
Mitarbeitern des Vereins. Thematische Schwerpunkte des
Treffens waren die Theaterarbeit und die Globoscouts.
Die deutsche Theatergruppe führte unter dem Titel „Der
achte Kontinent“ ihr selbst erarbeitetes Stück zum Thema
Peerleadertreffen
Klimakatastrophe in mehreren Schulen der Umgebung auf. Von den Brasilianern präsentierte sowohl
die Schultheatergruppe als auch unsere Gruppe von Mestre Claudio ihre Arbeit.
Globoscouts sind die Peerleader, die sich mit ihrer Heimatregion beschäftigen. Dabei liegt das
Augenmerk ganz bewusst auf der Region, um nicht die gängigen Klischees des jeweiligen Landes zu
bedienen.
Rebekka Leibbrand: weltwärts Quartalsbericht I, Visconde de Mauá, Brasilien
Die brasilianischen Scouts hatten einige Touren durch die Region
organisiert, bei denen sie ihren deutschen Altersgenossen
Besonderheiten der heimischen Fauna und Flora erklärten. Highlights im
Nationalpark waren das Bad in den Wasserfällen sowie die zufällige
Begegnung mit einer kleinen Affenfamilie. Sehr interessant und
anschaulich war außerdem der Besuch einiger Farmen und Personen,
die sich in unterschiedlichem Maße dem Ökotourismus verschrieben
haben. Die Bandbreite reichte von einem noblen Hotel, das seinen
Gästen neben gemütlichen Räumlichkeiten und natürlichen
Entspannungsangeboten ein komplettes Recycling der Abfälle
garantiert, über eine Farm mit eigener Milch-und Käseproduktion bis
hin zu einer Frau, die sich auf den Anbau und die Wirkung von
Heilkräutern spezialisiert hat.
Die deutschen Peers mussten sich durch die große räumliche Distanz
Globoscouts Tour
andere Präsentationsmöglichkeiten ausdenken. Über die Darstellung typischer Charaktere
verschiedener Alterklassen aus ihrem Bekanntenkreis gelang es ihnen zugleich spielerisch wie auch
informativ ein Bild ihrer ostfriesischen Heimatregion zu zeichnen.
Neben den Deutschen waren auch drei Afrikaner des neuen
Kooperationspartners zu Besuch. Durch die kurze Dauer der
Zusammenarbeit, waren sie leider zahlenmäßig wie inhaltlich
unterpräsentiert. Dennoch waren sie eine große Bereicherung
für das Treffen, und ich hatte unglaublich spannende
Gespräche und Erlebnisse mit ihnen. Durch das große
Interesse der Afrikaner an der Capoeira wurde mir noch mal
deutlich, dass gerade die Capoeira durch ihre afrobrasilianischen
Wurzeln eine hervorragende Schnittstelle in
der Kooperation zwischen Brasilien und Afrika bietet.
Rebekka mit zwei afrikanischen Gästen
... und zweitens als man denkt.
Inzwischen habe ich akzeptiert, dass die Ausgangsbedingungen anders sind als erwartet. Ich versuche
mich den Umständen anzupassen bzw. sie zu meinen Gunsten zu verändern.
Ich wohne noch immer mit den beiden Jungs in Mauá, werde aber nächste Woche endlich zu einer
Bekannten nach Resende ziehen, wo es sicherlich leichter sein wird, sich einen Freundeskreis
aufzubauen. Um dennoch auch im Dorf weiterhin aktiv sein zu können, habe ich die Möglichkeit im
Lehrerhaus in Mauá zu schlafen. Dieses Haus wird den Lehrern kostenlos zur Verfügung gestellt, die in
der Stadt wohnen.
Da die Capoeiragruppe in Resende derzeit leider nicht aktiv ist, und ich schlecht die fehlenden
Strukturen aufbauen kann, bin ich arbeitstechnisch nicht fest an den Mestre gebunden und kann
schauen, ob ich mich auch anderweitig für das Kooperationsprojekt oder die Dorfgemeinde einsetzen
kann. Ich möchte versuchen gemeinsam mit Léa, unserer Ansprechpartnerin und Projektkoordinatorin
in der Schule, ein Konzept für ein Jugendzentrum in Mauá zu entwickeln. Außer einem Fußballfeld
haben die Kinder nämlich keinen Aufenthaltsort, weshalb sie viel zu früh mit ihren Vätern und
Freunden in den Bars landen, wo sie sich massenweise Pinga und Bier in den Schlund gießen. Ein
Jugendzentrum könnte ein neuer Treffpunkt werden und sowohl der Capoeiragruppe als auch dem
Peerleaderprojekt zwischen Brasilien, Afrika und Deutschland zu Gute kommen. Beide Projekte halte
ich nach wie vor für sinnvolle Freizeitangebote, die den Kindern und Jugendlichen zugleich Spaß,
Disziplin und Selbstbewusstsein vermitteln sowie neue Möglichkeiten für die Zukunft eröffnen können.
Ich werde mir meine Traumstelle also einfach selber schaffen, denn Potenzial und Anknüpfungspunkte
gibt es eigentlich genug! Und in der Freizeit kann ich durch die Berge wandern, auf holprigen Wegen
mit dem Mountainbike fahren, Forro und Samba tanzen und in den sonnigen Stunden vielleicht sogar
doch noch ein bisschen braun werden...