Hier wird in Zukunft eine Sammlung von Kurzgeschichten entstehen, die über meine persönlichen Erlebnisse und Empfindungen erzählen und keinen richtigen Platz in allgemeinen Berichten finden.

Adventure Camp - 2° Etappe 2010

Adventure Camp 2010

2. Etappe

Visconde de Mauá

 

Schau' dir hier die Fotospur des Adventure Camps an!  

 

 

Teamname: Homo Biker

Startnummer: 48

Kategorie: männlich

Läufer: Nico, Carlos, Raphael

 

 

Es ist Samstag, der 22. Mai 2010. Auf dem Fußballplatz gegenüber des Colégios in Mauá sind die Zelte des Adventure-Camps und der Sponsoren bereits aufgebaut.

 

Gambá, Tio Chico, Gringo, Wagner, Zolino und der Rest des verrückten Organisationsteams sind da. Über einen Monat lang, waren sie jedes Wochenende in Mauás Bergen unterwegs um für die Athleten des Abenteuersports eine einmalige Laufstrecke zusammenzustellen, die auf 50 Kilometern drei grundlegende Disziplinen des Outdoorsports beinhaltet. Laufen, Kanufahren, Biken – diese Mischung soll das Rezept für Abenteuer, Emotion, salzigen Schweiß und eine ordentliche Portion Adrenalin bilden und uns einmal quer durch die Bergregion Visconde de Mauá führen.

 

Am Samstag Nachmittag um 15:00 Uhr beginnt für mich der erste Marathon – Die Organisation der Einschreibung unseres Teams und der Equipment Check. Für jedes Team müssen unerwarteterweise doppeltes Equipment vorgezeigt werden um die benötigten Startunterlagen zu erhalten. Also bei den Organisatoren um Aushilfe bitten und auf Gutwill hoffen.

 

Mit ausreichend Equipment einschließlich Kompass, 1.Hilfe Kit, Messer, Taschenlampe, Rettungswesten, Feuerzeug und Stiften, bekomme ich für unser Team die Starterkits und die topographische Karte mit Anhängendem Race-Book. Dieses enthält die Koordinaten der zu erreichenden Checkpoints und hilfreiche Instruktionen über den Streckenverlauf.

 

Danach geht es für mich per Motorrad in ein benachbartes Dorf um von unserem Sponsor „Homo Biker“, einer Tourismusagentur für Abenteuersport im Bereich, Mountainbiking, Rafting und Paragluiding, die freundlicherweise zur Verfügung gestellten Mountainbikes abzuholen. Vier vollgefederte Top-Bikes der Marke „Caloi“ werden auf einen Pick-Up geladen und zum Base-Camp nach Mauá gebracht.

Kurz nach unserer Rückkehr beginnt das Briefing für den am Sonntag stattfindenden Lauf statt. Über zwei große Leinwände wird die Topographische Karte und der Streckenverlauf eingeblendet. Alle Athleten erhalten ihre letzten Informationen über Risiken und Sicherheitsvorschriften bevor es für alle Teams an die interne Streckenplanung geht. Die im Race-Book angegebenen Koordinaten aller Check-Points müssen in die topographische Karte eingezeichnet werden. Neben diesen sogenannten PCs ist auch die Reihenfolge der einzelnen Disziplinen angegeben. Da sich aus dem Race-Book als erste Disziplin ein 8,0 Kilometer langer Berglauf und das Mountainbiking erst als zweite Disziplin erweist, machen sich nach und nach alle Teams daran, die Bikes erneut auf die Dachgepäckträger und Ladeflächen der Begleitfahrzeuge zu montieren und diese am selben Abend noch am ersten Wechselpunkt zu deponieren. Nachdem auch unsere Bikes am bewachten Checkpoint eingetroffen und registriert sind geht es zurück nach Mauá und früh ins Bett.

 

Am Sonntag Morgen weckt mich mein Wecker um 05:30 Uhr. Nach einer kalten Dusche und kraftvollem Frühstück geht es an die Aufteilung des Equipments auf vier kleine Stapel im Wohnzimmer.

Shirt, Startnummern, Rettungswesten, Energygels, Helme und Co werden aufgeteilt bis sich um 07:00 Uhr alle Teammitglieder zur letzten taktischen Besprechung zusammenfinden sollen.

 

Carlos mit seinem Pick-Up ist bereits ein wenig früher da. Mit seinen 48 Jahren ist er der älteste und erfahrendste Läufer unseres Teams. Er lief bereits 9 Marathons mit einer persönlichen Bestzeit von 3:24 Std. Raphel, ein 15 Jähriger Schüler des Colégios und Teilnehmer der Love-Life Gesundheitsgruppe scheint sich über die uns bevorstehende Herausforderung keine allzu große Gedanken zu machen. Er hat, als er um kurz nach 07:00 Uhr ankommt bereits die ersten 10 Kilometer per Bike aus einem Nachbartal bergauf nach Mauá hinter sich.

Die beiden widmen sich ihren fertige Equipmentstapeln zu und gemeinsam warten wir auf die Ankunft unseres Vierten und letzten Teamkameraden. Als um 08:00 Uhr immer noch kein Zeichen von ihm zu sehen ist und keine Nachricht kommt läuft uns die Zeit davon. Um 08:30 Uhr ist Startschuss. Unser Team entscheidet sich gemeinsam aus der Wertung auszusteigen und als Trio an den Start zu gehen. Innerhalb von einer halben Stunde muss unser Lauf neu taktiert und angepasst werden.

Mit besserer Laune, als es Jemand der mich kennt mir in solch einer Situation zugetraut hätte, gehe ich mit meinem Team an den Start – gemeinsam mit weiteren 150 gespannten Athleten. Zu sehr treibt mich der Gedanke an meinen ersten großen Lauf an, als dass ich mir die Freude darüber jetzt noch nehmen lassen würde.

 

Inmitten der Masse aus Sportlern verschiedenster Altersklassen, stehe ich mit meinen beiden Teamkollegen vor dem riesigen Startportal; einem knallgelben Luftkissen mit der Aufschrift „Adventure Camp“. Vor dem offiziellen Countdown ertönt die brasilianische Nationalhymne - dann geht der Startschuss. Die signalfarbenen Teilnehmershirts der Läufer lassen die sich in Bewegung setzende Masse wie eine riesige gelbe Welle erscheinen, die sich durch das riesige Tor über die Startlinie ergießt und auf der staubigen Dorfstraße langsam verläuft.

Um sich in der Menge nicht zu verlieren, halten sich die Teams an den Schulterriemen ihrer Rucksäcke fest.

 

Schnell findet unser Team in einen gemeinsamen Rhythmus und hält sich erstaunlich gut im Mittelfeld. Nach wenigen Hundert Metern überqueren wir eine kleine Brücke und verlassen die sandige Dorfstraße um über einen schmalen Trampelpfad den ersten Aufstieg in Angriff zu nehmen. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Während die professionellen Spitzensportler den gesamten Kurs, ungeachtet von steilen Anhöhen und Bergpässen laufend bestreiten, läuft das Mittelfeld lediglich im Ebenen und im Gefälle um eine Überbelastung zu vermeiden.

 

Zudem darf man nicht unterschätzen, dass das Laufen mit vollem Equipment die Kondition eines jeden Sportlers zusätzlich belastet. Unter der brütenden Sonne mit angelegter Rettungsweste, Helm, vollem Rucksack und dem Wasservorrat im Camelback-Trinksystem für den ersten Streckenabschnitt, läuft es sich wesentlich unbequemer als auf abendlichen Laufrunden um den örtlichen Sportplatz.

Für die Mehrheit der Sportler geht es bei dieser Art Wettkampf mehr um das Bestehen der Herausforderung und die Komplettierung des Laufes, als um die Klassifizierung.

 

Kurz vor dem zweiten PC nimmt unser Team vor Eifer einen falschen Abzweig durch das Unterholz und muss nach einigen hundert Metern bergauf feststellen, dass der nächste Checkpoint weiter östlich auf der Topo-Karte liegt. Es soll der einzige große Fehler sein, der uns jedoch weit im Feld zurückfallen lässt. Wir kehren also um und treffen zusammen mit einigen anderen Nachzüglern am PC2 ein.

 

Auf dem Weg zum dritten Checkpoint holen wir auf einem weiteren Pass die ersten Positionen wieder auf und nähern uns dem Mittelfeld. Das Erreichen des PC 3 erfordert die Durchschwimmung eines Wasserfalls von Mindestens einem Teammitglied und so werfe ich lediglich meinen Rucksack ab und springe in voller Montur in das eiskalte Nass. Auf der anderen Seite des Wasserfalls klatsche ich den dort positionierten Streckenposten ab und rufe ihm durch den Lärm der Wassermassen unsere Teamnummer zu, lasse mir unsere Laufzeit bestätigen und kehre zu meinen Teamkameraden zurück.

 

Triefend nass und in Begleitung eines Kamerateams auf Motorrädern gelangen wir an den vierten Checkpoint und die erste der insgesamt vier Wechelstationen.

 

Während meine beiden Teamkollegen sich per Bike zum nächsten Checkpoint aufmachen und dabei mein Bike auf abenteuerliche Art und Weise mit Hilfe eines alten Fahrradschlauches schultern, geht es für mich ein paar hundert Meter weiter über die Straße bis zur Anlegestelle der Kanus.

 

Hier treffe ich auf einen Leidensgenossen, der sich, durch das Ausscheiden eines Teamkollegen nach einer Schlüsselbeinfraktur, in derselben Situation befand, alleine in dem Doppelkanu paddeln zu müssen. Nach kurzer Absprache mit dem zuständigen Streckenposten steigen wir gemeinsam in eines der DUCKS und stellen uns auf den nächsten Kilometern als absolutes Glücksduo heraus.

 

Durch gute Kommunikation und gleichmäßiges Arbeiten im Boot gelingt es uns in dem flachen Wasser des schmalen Flusses ganze sechs Boote zu überholen und uns somit wieder direkt ins Mittelfeld zu katapultieren.

Am nächsten Checkpoint gibt es eine kurze taktische Besprechung mit beiden Trios und wir einigen uns, angespornt durch unseren Erfolg im Kanu, darauf, den Rest des Wettkampfes gemeinsam zu bestreiten um auch in der zweiten Abfahrt von unserem Vorteil im Boot zu profitieren.

So verlassen wir sechs die Wechselstation mit topographischer Karte und Kompass um in einem Rundkurs weitere 5,0 Kilometer durch die Berge zu laufen. Raphael klagt nach einem kleinen Sturz über leichte Schmerzen in der Wade, lässt sich aber durch motivierende Worte dazu bewegen weiterzulaufen. Vollzählig erreichen wir also PC 8 und die dritte Wechselstation.

 

Wieder werden Bikes geschultert und ich springe mit meinem neuen Teamkollegen, der mir liebevoll den Spitznahmen „Motor“ gibt ins Duck – in der Hoffnung unseren Erfolg aus der ersten Abfahrt wiederholen zu können.

 

Was uns jedoch in diesem zweiten Boot erwartet hat nichts mit unseren hohen Erwartungen zu tun: Erst im Wasser stellen wir fest, dass uns ein Duck ohne Rückenlehne zugewiesen wurde. Rückenlehnen sind in solch flachem Wasser wie es der „Rio Preto“ derzeitig führt unerlässlich um sich daran anzulehnen und den Körper anzuheben um nicht an den direkt unter der Wasseroberfläche liegenden Felsen aufzulaufen und stecken zu bleiben. Zudem erhöht die fehlende Rückenlehne die körperliche Belastung des Sportlers, der die gesamte Kraft beim paddeln aus dem eigenen Körper schöpfen muss.

 

So müssen laufen wir ganze drei Male auf Grund und müssen in das eiskalte Wasser springen um das Boot umzusetzen und können unsere Position im Mittelfeld lediglich halten. Mit drei weiteren Booten liefern wir uns jedoch ein über einstündiges Rennen mit wechselnder Spitze, bis nach der letzten Kurve der elfte PC und die letzte der Wechelstationen in Sicht kommen.

 

Hier treffen wir auf unsere beinahe enttäuschten Teamkollegen, die jedoch nach kurzer Erklärung Mitleid mit uns zeigen und uns ganze 5 Minuten Zeit lassen um Krämpfe aus den Beinen und den Fingern zu lösen und ein Energygel hinunterzuwürgen um dem Körper für die bevorstehende Rückfahrt auf den Bikes noch ein paar Energiereserven zuzuführen. 25 Kilometer durch die Berge bis zum vorletzten Checkpoint – nicht ganz die Hälfte davon steil bergauf.

 

Während ich auf den ersten beiden Kilometern auf breiter Crossroad im Ebenen und sogar einer leichten Abfahrt noch entspanne, ahne ich, die große Bergkette mit dem kleinen Einschnitt in der Mitte erblickend schon, was auf den nächsten Kilometern bis zum Pass auf uns zukommt.

Es ist pure Schinderei sich mit den Bikes bergaufzuquälen und es fehlen nur noch wenige hundert Meter bis zur Kuppe, als mein persönliches Unglück des Rennens geschieht. Das rechte Pedal meines Caloi-Mountainbikes reißt durch die hohe Belastung während der Auffahrt aus seiner Halterung und lässt sich ohne passendes Werkzeug nicht reparieren. Da ich die Baumkronen, die den Pass markieren, bereits erblicken kann, steige ich vom Bike und laufe, das Bike am Lenker haltend bis zum Gipfel.

 

Mein großes Glück: Ein super Downhillparkur bringt uns von hieran beinahe nur noch bergab – zumindest bis zur letzten Tortur der Etappe. Immer noch müssen wir einen Berg erklimmen um das Ziel, das Base-Camp in Mauá, auf der anderen Seite der Anhöhe zu erreichen.

So steigen alle Athleten vollkommen erschöpft von ihren Drahteseln und, schultern diese und trekken bis zum letzten Gipfel vor dem Ziel über einen Pfad, welcher normalerweise bergab kommend nur mit Pferden bestritten wird. Einige der Läufer bleiben vor Erschöpfung stehen oder brechen von Krämpfen gequält zusammen und werden von ihren Teamkollegen gestützt.

 

Hier werden wir Zeugen eines beeindruckenden Aktes aus Teamgeist und unbedingter Willenskraft. Ein Läufer schultert sich neben seinem eigenen Bike das seines vollkommen erschöpften und mit leerem Blick am Rand sitzenden Teamkollegen und steigt weiter bergauf. Die anderen beiden Teamkameraden, jeweils mit ihren eigenen Bikes belastet, helfen ihrem Kollegen auf die Beine und stützen ihn, unter den Blicken aller Athleten, die letzten Meter bis zum Gipfel.

 

Es ist eine Mischung aus Stolz, eisernem Willen, Egoismus und Gruppenzwang, die allen Läufern ins Gesicht geschrieben steht und einen in diesem Moment weiter vorantreibt. Es geht schon lange nicht mehr um Position, Zeit und Prämien – jetzt will jeder nur noch bestehen. Zähne zusammenbeißen, Schmerzen im ganzen Körper ausblenden und nicht aufgeben.

 

Die letzten Kilometer zur Zieleinfahrt geht es mit gezogenen Bremsen bergab um nicht vor Erschöpfung und nachlassender Konzentration zu stürzen und sich kurz vor Erreichen des Ziels noch zu verletzen.

Die Zieleinfahrt auf der staubigen Dorfstraße über die wir morgens schon gelaufen waren, erlebe ich mit einer Hand auf Carlos Schulter, der mich auf der geraden Zieleinfahrt mit sich zieht, da ein Fahren mit fehlendem Pedal nicht mehr möglich ist.

 

Wir sehen uns an, kurz bevor wir durch das gelbe Portal rollen und wissen: WIR HABEN ES GESCHAFFT. Im Zielfeld steigen wir von den Bikes und fallen uns in die Arme.

 

Wir sind gelaufen, Kanu gefahren, wieder gelaufen, noch einmal ins Kanu und zum Abschluss auf die Bikes gestiegen. 50 Kilometer pure Tortur liegen hinter uns. Das Lächeln in den Gesichtern der Athleten, die sich im Zielfeld beglückwünschen und in den Armen liegen verrät jedoch, das sich jeder Einzelne von ihnen gelohnt hat um diesen Moment erleben zu dürfen.

 

Ein letztes Mal bestätigen wir unsere Startnummer und verbeugen uns vor dem Pult des letzten der insgesamt 14 Checkpoints um unsere „Adventure-Camp Finisher“ Medaille in Empfang zu nehmen. Dann stürzen auch wir in das auf dem Fußballplatz aufgebaute Vitaminzelt um den völlig erschöpften Körper mit Bananen, Äpfeln und Energydrinks einigermaßen auf den Beinen zu halten; zumindest für die abends noch stattfindende Aftershowparty und Siegerehrung.

 

 

Praktikum in schwindeliger Höhe

 

Zwischen meiner Rückkehr aus dem frostigen Deutschland in den brasilianischen Sommer und dem Schuljahresbeginn Ende Februar, habe ich die projektfreie Zeit genutzt um in einem Freizeitpark für Outdoorsport ein Praktikum zu absolvieren.

 

Es war eine schöne Zeit in der ich viel Lernen durfte und in einer brasilianischen Gastfamilie leben konnte, wie ich es mir ursprünglich erhofft hatte. Der Umzug in einfachste Lebensverhältnisse war zwar teilweise nicht sehr leicht, doch im Grunde genommen genau das, was ich gesucht hatte. Auf dem Privatgelände neben dem Sportpark lagen drei Gebäude. Ein simples Haus aus Sperrholz beherbergte zu dieser Zeit trotz lediglich vier zur Verfügung stehenden Betten acht Personen. Das angrenzende Gebäude soll das Wohnhaus der Familie werden und steht seit fünf Jahren im Rohbau. Lediglich die Küche ist bereits vollständig eingebaut – auch wenn noch keine Fensterscheiben eingesetzt wurden. Ich habe im dritten Gebäude, einer alten, zweistöckigen, zur Schrauberwerkstatt umfunktionierten Scheune mein kleines Reich aufgebaut. Ein kleiner Plastiktisch für Unterlagen, eine Matratze auf dem Holzboden, ein abgeschraubter Rückspiegel einer alten Vespa für das morgendliche Zähneputzen, eine quer durch die massiven Holzbalken gespannte Hängematte und ein kleiner Plastikschrank für Kleidung. Für manch einen Menschen mag diese Art von Leben unzumutbar wirken, zumal auch die hygienischen Bedingungen im Haus und der Küche teils sehr schlecht waren. Aber morgens aufzustehen, gemeinsam mit der Familie zu frühstücken und anschließend einen gefüllten Arbeitstag zu haben, der lediglich von einem gemeinsam zubereiteten Mittagessen unterbrochen wird und in einem gemeinsam zubereiteten Abendbrot endet, war etwas das mir den Wiedereinstieg in das brasilianische Leben nach meinem Heimatbesuch sehr erleichtert hat.

 

Die Aufgaben im Park waren vielseitig. Vom Umbau eines natürlichen Flusslaufes zur Stauung von natürlichen Schwimmbecken und jeglichen Reparaturarbeiten des Parkequipments, bis hin zur Betreuung von sportbegeisterten Kunden als eigenständiger Instrukteur der verschiedenen Parkattraktionen war in meinem Lernpensum alles enthalten. Um dies zu realisieren habe ich teilweise bis zu drei Stunden am Stück in fast zwanzig Metern Höhe Sicherungsübungen trainiert und am Boden portugiesisches Fachvokabular gelernt.

 

Besonders aufregend waren dann die Karnevalsfesttage in denen der Park kaum eine ruhige Minute hatte. Hier konnte ich nach einigen Wochen des Übens und Begleitens eigenständig als Parkinstrukteur arbeiten und vor allem den kleinen Parkbesuchern immer wieder ein kleines Lächeln entlocken. Es war teilweise lustig zu betrachten wie muskelbepackte Männer in zwanzig Metern ihre harte Schale verloren und nur noch wieder heil und gesund den festen Boden unter ihren Füßen spüren wollten, während zehnjährige Kinder sich kopfüber durch die Bäume schwangen und von der Ausschüttung dieses kleinen aber bedeutenden Hormons „Adrenalin“ gar nicht genug bekommen konnten.

 

Es war eine lehrreiche, interessante und schöne Zeit in der ich viel erleben durfte. Zurück in der „Normalität“ freue ich mich jedoch auch wieder über mein kleines Bett mit gemütlicher Federkernmatratze und den regelmäßigen Zugang zum Internet, wenn ich nur noch die Straße entlang zur Pizzeria und nicht neun Kilometer durch die Berge bis nach Mauá laufen muss. Allerdings wird mir das Arbeiten fehlen, da sich meine Beschäftigung im Colégio auch weiterhin in Grenzen hält.

 

 

 

Das Land der Früchte

 

Während meiner Zeit in Brasilien mache ich immer wieder die Erfahrung, dass aus sich aus einem Plan und einer zufälligen Idee oder einem spontanen Zufall häufig die schönsten Geschichten ergeben. So zum Beispiel wurde kürzlich der Besuch eines Obstladens zu einem erinnerungswürdigen Ereignis.

 

Ich wollte eigentlich nur auf einen Sprung in den kleinen Laden, in einer der vielen kleinen Gassen in Resende, um mir fix ein paar Bananen oder eine der saftigen grünen Kokosnüsse für unterwegs zu besorgen, als ich inmitten eines Paradieses für jeden Ernährungsberater stand. Um mich herum lagen die buntesten Früchte in verschiedensten und teils schrägen Formen, die es mir unmöglich machten mich schnell für eine der Köstlichkeiten zu entscheiden. Es ist schon ein kleiner Unterschied, ob man zu Hause mal eben in der Obstabteilung beim Rewe-Markt steht, oder in Brasilien in einer ganzen Obsthandlung.

Dank der riesigen Auswahl kam mir plötzlich eine folgenschwere Idee, die dafür sorgte, dass ich die nächsten drei Tage nur noch von Früchten leben sollte. Der Einfall: "Einmal alles, bitte" hatte zur Folge, dass ich den Laden mit vier großen Einkaufstüten mehr und lediglich 20 Euro weniger verließ. Es war ein komisches Bild, als ich das Lädchen wieder verließ, doch noch vielmehr, als ich zu Hause versuchte die verschiedenen Früchte mit dem passenden Werkzeug zu öffnen. Es war ein lustiges Unterfangen, welches es mir jetzt zumindest ermöglicht zu verstehen, was denn nun alles in einem brasilianischen Multivitaminsaft so alles drinsteckt.

 

 

 

 

Besteigung der Pedra Selada

 

Oder: wenn Wasser aufwärts fließt

 

(So. 15. Nov.2009)

 

(Fotospur unter Fotoarchiv November)

 

Während ich diese Zeilen in mein kleines Notizbüchlein schrieb, zogen grau-blaue Wolken auf - und binnen weniger Minuten versank die Szene im dichtem Nebel. Ich saß auf der Pedra Selada, dem zweithöchsten Gipfel der Region, auf 2600 Metern Höhe.

Unter mir lagen Resende auf der einen und Visconde de Mauá auf der anderen Seite. Ein paar Schwalben kreisten durch den Nebel und ließen sich nur eine Armlänge von mir entfernt, auf einem kleinen Felsvorsprung nieder.

 

 

Es war ein langer Weg bis hierher - aber alles in Ruhe und von vorne.

 

 

Mein Samstag am freien Wochenende begann gemütlich mit Kaffee in der Küche, nachdem ich mir einen Tag Laufpause gegönnt hatte, da ich meine Kräfte für die geplante Bergwanderung sparen wollte. Ein wenig Zucker in der Kaffeetasse verrührend saß ich am Küchentisch, als plötzlich mein Mitbewohner John von seiner nächtlichen Konzerttour zurückkehrte und mir berichtete, dass er nicht geschlafen habe und die Besteigung für ihn wohl ausfallen müsste.

Nicht gehen? Kam für mich irgendwie nicht wirklich in Frage und so dauerte es nur ein paar Minuten, bis ich mit gepacktem Salewa-60Liter-Rucksack an der Pforte stand und die geplante Wanderung alleine antrat. Inhalt des Rucksacks um 12:45 Uhr:

 

1 Zelt

1 Isomatte

1 Schlafsack

1 Paar Stiefel

1 Handy

1 Notizbüchlein mit Stift

4 Flaschen Wasser

5 gefüllte Hühnchen-Teigtaschen

8 Bananen

 

 

Mit beachtlichem Gewicht machte ich mich auf den Weg von Mauá nach Campo Alegre und weiter in Richtung Pedra Selada. Nach circa 15 Kilometern gelangte ich an ein kleines Holztor vor dem ein Schild installiert war, das den Eingang der Aufstiegsroute verkündete.

Pedra Selada; Höhe: 1755 Meter; Aufstiegszeit 2 Std.; Schwierigkeitsgrad: Mittel

 

Wie frech, mir ein vorzuschreiben, wie lange ich für den Aufstieg brauchen würde. Zwei Stunden, fragte ich mich – für wen gilt das?  „Die Zeit gilt es zu halbieren“, dachte ich bei mir und so schnallte ich den Rucksack ein Stückchen fester und schritt durch die Pforte auf eine noch recht breite Straße. Nach ein paar Metern ein weiteres Schild – Aufstieg: 3 r$ - weit und breit war jedoch niemand zu sehen. Nur eine winzige Hütte lag noch am Wegesrand. Davor plätscherte Wasser aus einem kleinen Hang in ein steinernes Becken. In der Hütte saß ein alter Señor dem ich von meinem Vorhaben erzähle eine Nacht oben auf dem Gipfel zu verbringen um bei Morgendämmerung ein paar Fotos zu schießen. Prompt wurden aus 3 r$ ein Preis von 10 r$ gemacht, da ihn meine Idee denken ließ, er müsse mir mehr Geld abknüpfen. Durch diesen kleinen Dämpfer, wieder einmal übers Ohr gehauen worden zu sein, ließ ich mir jedoch die Vorfreude auf mein Vorhaben nicht nehmen und folgte schnell dem jetzt deutlich schmaler werdenden Pfad, der später nur noch in eine zu erahnende Linie durch den geschlossenen Wald überging.

 

Höhenmeter um Höhenmeter legte ich in Richtung Gipfel zurück. Mit meinem sportlichen Ziel hatte ich mir einiges zugemutet und aufgeben kam nicht in Frage – ich wollte diese Herausforderung. Jeder besteigt die Pedra Selada – viele davon schaffen es sogar bis zum Gipfel und verewigen ihren Namen im dort installierten Gipfelbuch. Aber wie lange braucht man tatsächlich mit dem sportlichen Gedanken der Besteigung?

 

Ich passierte Markierung um Markierung – 500 Meter – 750 Meter – 1000 Meter ohne größere Probleme. Bei Höhenmeter 1250 ahnte ich, was auf mich zukommen würde. Meter um Meter kämpfte ich mich auf dem steilen Weg nach oben. Immer wieder tauchte der Gipfel über mir auf – und schien kein Stück näher zu kommen. Das Gewicht des Rucksacks samt Inhalt schien mit jedem Meter schwerer zu werden und der Schweiß lief mir in Bächen die Stirn herab. Ich trank während des Laufens um keine Zeit zu verlieren. Immer wieder griff ich nach hinten um aus den Seitentaschen des Rucksacks Wasserflaschen zu ziehen und einen Schluck zu nehmen oder mir ein wenig davon über das Gesicht zu gießen und wenn die Flüssigkeit, die ich auf den Lippen schmeckte wieder salzig wurde, griff ich wieder nach hinten.

 

Dann die 1750er Marke bis hierhin sollten es 2 Stunden Laufzeit sein – der Gipfel war jedoch durch den dichten Wald nicht zu sehen – aber ich wusste, dass noch ein ganzes Stück fehlte. Eine Bank verlockte zum pausieren, doch ich zog lediglich meine Uhr aus dem Rucksack um die Zeit zu checken. Eine Stunde war das Ziel – bis Höhenmeter 1755 – ich blieb mit meinen 52 Minuten noch darunter. Mit den nächsten Höhenmetern wurde der Wald immer lichter und die ersten großen nackten Felsen verkündeten, dass ich dem Gipfel doch näher kam. Kurz vor der 2000er Marke brach die Sonne durch die Baumkronen und es wurde unerträglich heiß. Von einer auf die andere Sekunde lief ich wie in Trance. Wasser nachzuschütten hatte keinen Sinn. Außerdem passierte ich kurz danach die letzte Wasserstelle um meine Flaschen aufzufüllen. Ich dachte mir nur noch: „Nico, du bringst Wasser dazu aufwärts zu fließen“. Natürlich war es nur mein Schweiß, der mittlerweile sowohl T-Shirt, als auch Hose völlig durchtränkt hatte – aber der Gedanke ließ mich lächeln…

 

Bis auf Höhenmeter 2500 quälte ich mich hoch um auf dem Pass die letzten Höhenmeter bis zum Gipfel zurückzulegen. Links von mir lag das ruhige Visconde de Mauá, rechts von mir lag in einiger Entfernung Resende. Es waren nur noch wenige Meter bis zum Gipfel und der Gedanke daran, in ein paar Minuten darauf zu stehen beflügelte mich. Dass mein Blick langsam tunnelartig wurde, nahm ich gar nicht richtig wahr. Ankommen war jetzt das Einzige was in meinem Kopf eine Rolle spielte. Endlich auf dem Gipfel stehen und den Rucksack absetzen, der mich mittlerweile zurückstolpern ließ, wenn ich ein paar Sekunden stehen blieb, nur um wieder in halbwegs normales Atmen zu kommen.

 

Dann lag er direkt vor mir. „O pico da Pedra Selada“ – der höchste Punkt des Gipfels ist nur über eine glatte, steile Felswand zu erreichen und so nahm ich noch einmal alle Kräfte zusammen und um inklusive meines Rucksacks die letzten Höhenmeter aufzusteigen.

 

Was ich dann sah, ließ mich von einer auf die andere Sekunde ruhig werden. Ich hört den Wind sanft rauschen und ein paar Schwalben kreisten um mich herum, während mir die 360° Aussicht auf die umliegenden Täler den Atem raubte. Trotz völliger Erschöpfung wurde es auf einmal alles ganz friedlich in mir. Ich setzte den Rucksack ab – zog mir das völlig durchtränkte T-Shirt und die Hose aus – und setzte mich auf den obersten Felsen des wunderschönen Plateaus und genoss den Moment. Sonnenstrahlen fielen durch ein paar Wolken am Himmel in das Tal unter mir. Kein Foto – keine Videokamera. Einfach nur die Berge und Ich – ein unbeschreibliches Gefühl zwischen Erschöpfung – Unendlichkeit und innerem Frieden. Das war mein Moment. Alles was in diesem Moment zählte war, dass ich dort auf diesem Felsen saß.

 

Es dauerte ein paar Minuten, bis ich den Blick von der unendlichen Weite wieder über das kleine Plateau schweifen lies und die kleine metallene Schatulle entdeckte, die das Gipfelbuch vor Wettereinflüssen schützte. Dort steht nun unter dem Datum vom 14. Nov. 2009 und meinem Namen eine Gesamtlaufzeit von 91 Minuten und ein paar Zeilen die versuchen auszudrücken, was ich in diesem Moment gefühlt habe. Unter allem steht der Name, des Menschen, dem ich diese meine erste wirkliche Bergbesteigung widme und der mich in meinem Handeln zurzeit stark beeinflusst und motiviert. – Danke an Joachim Franz –

 

 

Das ich später in dieser Nacht noch Besuch von ein paar Bergsportlern aus Resende und bei einem kleinen Lagerfeuer Nudeln und Mangosaft angeboten bekommen sollte, wusste ich in diesem Moment noch nicht. Aber es sollte eine unvergessliche Nacht werden  - in einem kleinen Zelt auf 2600 Höhenmetern die am nächsten Morgen nach einem unbeschreiblich schönen Sonnenaufgang nur noch von einem Tandem-Gleitschirmsprung von einer etwas tiefer gelegeneren Basis abgerundet werden sollte.

 

 

Laufen in Begleitung

Oder: ich möchte so gern - ein Hündchen sein

(Fr. 06.Nov.2009)

 

Es ist noch nicht lange her, dass ich mich dazu entschlossen habe morgens regelmäßig laufen zu gehen. Ich stehe morgens um 07:30 Uhr auf, ziehe mir meine  neuen Laufschuhe an – und laufe los. So geht es nun allmorgendlich von Mauá aus, durch die Berge bis zur 1400 Meter Marke. Da Mauá im Tal liegt und so bis zum Gipfel  einige Höhenmeter zusammenkommen ist es ehrlich gesagt noch eine ziemliche Quälerei, aber es macht unendlich viel Spaß und die Aussicht, die ich so jeden Morgen genieße ist einfach einmalig.

Da ich normalerweise alleine Laufe und die Aussichten auf Begleitung eher schlecht stehen, angesichts der Kommentare, die ich für mein neues Hobby erhalte, habe ich mich heute das erste Mal über Begleitung freuen dürfen. Kurz nachdem ich die Pforte unseres Hauses hinter mir zuzog, folgte mir mein „adoptierter“ Straßenhund. Erst dachte ich er würde nur wieder ein paar Meter hinter mir herlaufen um sich dann wieder umzudrehen und im Dorf zu bleiben – doch ich irrte mich. Den ganzen Weg über, folgte er mir Tritt auf Schritt. Leider musste ich mir irgendwann eingestehen, dass vier Beine eindeutig leichtfüßiger und eleganter laufen, als zwei – doch als mein treuer Gefährte dann kurz vor dem Gipfel auch noch zum Sprint ansetzte um einem Vogel hinterher zu jagen, fühlte ich mich wirklich denunziert und wünschte mir nichts sehnlicher als selber so problemlos Kilometer für Kilometer herunterzureißen.   

Auch schien Tinho, so heißt der Gute, oben am Gipfel überhaupt keine Pause einlegen zu wollen. Er lief also weiter auf der Straße in Richtung Resende – bis ich ihn zurückpfiff und versuchte zu erklären, dass das für mich noch nicht in Frage kommt. NOCH!

Den ganzen Weg bergab fragte ich mich, ob ich nicht versuchen sollte, selber nach Resende zu laufen. In Gedanken versunken merkte ich überhaupt nicht, wie schnell ich geworden war und ich verlangsamte meinen Schritt um nicht außer Atem zu kommen. Zufrieden und mit neuer Bestzeit kam ich wieder zu Hause an und diesmal sogar mit Vorsprung vor meiner Begleitung – die hatte anscheinend die Motivation am Rennen verloren, lies sich ein paar Meter zurückfallen – und trottete die letzten Meter gemütlich bis nach Hause.

Auch wenn ich neidisch auf meine Begleitung war und sie mich wirklich alt aussehen lassen hat – war ich froh heute einmal nicht alleine laufen zu müssen – und noch dazu hat mich der aktive Kerl auf eine klasse Idee gebracht…

Aktuelles

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Oktober 2010

 

Nico Schlickum wird byoh e.V. - Aktiver

 

beyourownhero-ev.de/

 

 

 

 

 

 


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