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Quartalsbericht August - Oktober 2009

Am 06. August betrat ich erstmals brasilianischen Boden. Ich war der Annahme, für ein Jahr lang in einer kleinen Stadt namens Itatiaia im Bundesstatt Rio de Janeiro ein Jugendzentrum zu betreuen.

Ich war vorbereitet auf das „Peer-Leader International“ –Projekt, ein trinationales Projekt zwischen Deutschland, Brasilien und Südafrika zur Ausbildung junger Menschen zu Multiplikatoren wichtiger Themen wie:

 

 

·         Gesundheit und Sport (HIV/Aids, Frühschwangerschaften, Ernährung)

 

·         Nutzung von Medien und virtueller Kommunikation

 

·         Kultur (Musik und Theater)

 

·         Politik

 

·         Klimaschutz

 

 

Ich war gespannt auf das Projekt  und hatte mich in der Vorbereitungszeit viel damit auseinandergesetzt.

Neben Seminaren über interkulturelle Kommunikation und zum Kennen lernen der Projektpartner aus Deutschland und Südafrika, habe ich an einem Peer-Leader Camp in Holland teilgenommen und privat Kontakte zu Teilnehmern der deutschen Peer-Leader Gruppe in Ostrhauderfehn (Leer) und einem Freiwilligen, der zu dieser Zeit in demselben Projekt in Brasilien tätig war, aufgebaut. Mein Ziel war es, so gut vorbereitet wie möglich nach Brasilien zu gehen und das Projekt, dessen Idee mich so fasziniert, mitzugestalten.

 

 

In Brasilien angekommen hatte ich noch ein paar Tage Überschneidung mit meinen Vorgängern, die ebenfalls über das „weltwärts“-Programm entsandt waren und im Peer-Leader-Projekt in Mauá gearbeitet hatten. Diese Tage waren bewusst eingeplant um erste soziale Kontakte zu knüpfen und auf die Arbeit im Projekt vorbereitet zu werden. Die Idee war also, den ersten Monat in Visconde de Mauá zu verbringen und im Anschluss nach Itatiaia zu gehen um mit der Arbeit zu beginnen.

 

 

Soweit die Absicht, der Plan, die Vorbereitung! Die Realität gestaltete sich jedoch ganz anders!

 

 

Ich lernte zwar die Arbeit im Projekt kennen und half den Umwelt- und Gesundheitsgruppen des Peer-Leader-Projekts am Colegio CEAQ in Mauá  bei ihren Vorbereitungen für ein internationales Projekttreffen im Oktober - Ein Umzug nach Itatiaia und die Aufnahme meiner Arbeit dort fand jedoch nicht statt und wird auch nicht mehr erfolgen.

 

 

Dass ich noch heute in der Bergregion Viconde de Mauá wohne und nicht in Itatiaia, meinem ursprünglich geplanten Einsatzort, hat mehrere Gründe. Zum Einen gibt es in Itatiaia gibt es kein Jugendzentrum - zum Anderen wird nicht am Peer-Leader-Projekt gearbeitet. Im Februar 2009 versicherte das Sozialbüro in Itatiaia den deutschen Projektpartnern zwar, dass bis August ein Jugendzentrum eingerichtet sein würde, in dem ein Freiwilliger Sozialarbeit mit örtlichen Kindern und Jugendlichen leisten könnte. Dies ist jedoch bis heute nicht geschehen.

 

 

Auch waren es seltsame erste Aufeinandertreffen mit den Projektpartnern in Itatiaia. Beim ersten Gespräch mit der Chefin des Sozialbüros wurden statt deutschen oder englischen Dolmetschern lieber örtliche Pressefotographen eingeladen. Ein anderes Mal sollte ich stundenlang im Rathaus auf ein Händeschütteln mit dem Präfekten warten um als neuer Freiwilliger des Sozialbüros vorgestellt zu werden.

Wie und wann meine Arbeit mit den Jugendlichen beginnen würde, blieb ungeklärt. Stattdessen wurde ich durch zahlreiche soziale Einrichtungen in der Region geführt, in denen ich überall als neue Arbeitskraft vorgestellt wurde.

 

 

Es schien mir, als würden die Interessen der dortigen Projektpartner weniger in struktureller Jugendarbeit, als vielmehr in politischem Populismus liegen. Ein Eindruck, der mir mittlerweile von mehreren Seiten bestätigt wurde. Tatsächlich ist es so, dass das Sozialbüro in Itatiaia zur örtlichen Präfektur gehört und ich so plötzlich anstatt für eine trinationale NGO, in einer brasilianischen öffentlichen (politischen) Institution ohne jeden Bezug zum Peer-Leader-Projekt zum Einsatz kommen sollte. Dass sich dort die Präsentation eines Freiwilligen der Deutschen Regierung gut macht ist zwar nachvollziehbar, aber ist dies weder vereinbar mit den Zielen des „weltwärts“-Programms, noch war dies meine eigene Vorstellung von meinem Freiwilligendienst in Brasilien.

 

 

Diese Situation zu verstehen hat mich viel Zeit und Kraft gekostet. Gleichzeitig wurde sie durch meine Sprachprobleme erschwert, da ich vor meiner Ankunft in Brasilien kein Portugiesisch gesprochen habe und ein Dolmetscher für zahlreiche Treffen nicht zur Verfügung stand.

 

 

Ich habe mir die Frage gestellt, wie ich damit umgehen soll, dass man gegen meinen Willen versuchte mich für eine Arbeit in Itatiaia zu gewinnen. Das Peer-Leader-Projekt „Jugendzentrum“ zu dem ich entsandt wurde, existiert nicht. Bestrebungen diese Arbeit überhaupt irgendwann aufzunehmen, bestehen nicht. Die Projekte des Sozialbüros sind schlecht vorbereitet und unstrukturiert. Damit stellte sich mir die Frage der Sinnhaftigkeit meines Einsatzes.

 

 

Bei meinen Überlegungen haben mir die Worte eines Menschen geholfen, der mich in der Vorbereitung und auch jetzt während meines Freiwilligenjahres in Brasilien sehr unterstützt:

 

 

„Die Stärke liegt in Dir selbst. Nur mit der richtigen Motivation in deinem Herzen kannst du selbst dann noch Kräfte mobilisieren, wenn dein Kopf dir sagt, dass es nicht mehr weiter geht.“

 

 

Diese Worte stammen von Joachim Franz, einem deutschen Extremsportler im Kampf gegen HIV/Aids und geben mir hier in Brasilien viel Kraft und Motivation.

Ich stand irgendwann an einem Punkt an dem ich mich dazu entschieden habe dieses Jahr nicht zu nutzen um zu lernen wie man am meisten durch meckern erreicht, sondern wie man mit eigener Motivation aus einer schwierigen Situation etwas Gutes macht.

 

 

Ich habe meine Gedanken aufgeschrieben und daraus ein eigenes Projekt formuliert. Ein Projekt, in dem ich Kinder und Jugendliche aus Brasilien dazu bringen möchte über ihre eigenen Grenzen hinaus zu gehen und scheinbar Unmögliches zu erreichen. Das Projekt „Grenzgänge“,  in dem ich sportliche Grenzgänge und  Erlebnispädagogik mit Drogenprävention, Persönlichkeitsentwicklung und Zukunftsorientierung verbinde, soll jungen Menschen  in Visconde de Mauá  eine Alternative zu ihrem orientierungslosen Leben geben.  

 

 

Die Aussicht auf dieses eigene Projekt gibt auch mir selbst die Energie, trotz aller Widrigkeiten an der Umsetzung des Peer-Leader-Gedankens festzuhalten.

 

 

Nach Formulierung und Präsentation der Projektidee und Absprache mit dem Nordpartner in Deutschland steht nun seit Ende Oktober die Richtung meines Freiwilligendienstes fest. 

 

 

In den nächsten Arbeitsschritten müssen nun organisatorische Rahmenbedingungen geschaffen werden, um das Projekt starten zu können. Eine ausführliche Beschreibung des Projektes befindet sich unter der Rubrik  -Das Projekt „Grenzgänge“-

 

 

Meine Eingewöhnungs- und Organisationsphase wird länger dauern als ursprünglich geplant. Aber ich bin überzeugt, dass mein Freiwilligendienst, der noch bis August 2010 dauern wird, ein nachhaltiges Ergebnis erbringen wird.

 

 

 

 

Dienstag - 20. Oktober 2009

2. internationales Peer-Leader Treffen in Visconde de Mauá

 

Es war ein Ausnahmezustand, im sonst so stillen Vila de Mauá. Neben 20 deutschen Peers und einigen Betreuern reisten auch ein drei Gäste aus Südafrika an, darunter das bekannte Gesicht Benitos, um am zweiten internationalen Treffen des Peer-Leader Projektes in Brasilien teilzunehmen.

 

Neben zahlreichen Aufführungen des Theaterstücks „Der 8. Kontinent“, einem Theater von Jugendlichen aus Deutschland über die Veränderung des sozialen und ökologischen Klimas, standen Austausch und internationaler Workshop der Gesundheitsgruppe, sowie die Vorstellung der einzelnen Länder auf dem Programmplan für das zweiwöchige Treffen.

 

Interessant war dabei zu beobachten, wie unterschiedlich die einzelnen Jugendlichen bei der Aufgabe ihre Länder vorzustellen vorgegangen sind. Während die deutsche Gruppe auf viel Dynamik setzte um die Sprachhürde zu überwinden und ihre Region im fremdsprachigen Ausland vorzustellen, hatte man in Brasilien einfach alle Themen in PowerPoint-Präsentationen integriert, in drei Sprachen übersetzt und später mit einem Beamer an die Wand projiziert. Für die südafrikanischen Teilnehmer schien dies jedoch zu viel technischer Schnick-Schnack zu sein und so beschränkte man sich von dieser Seite aus auf konventionelle Reden, die synchronübersetzt wurden, sowie auf die Weltsprachen Tanz und Gesang.

 

Trotz wenig Zeit die ihnen eingeräumt wurde, konnten sich auch die Gesundheitsgruppen der drei Länder austauschen und einen gemeinsamen Workshop für interessierte Schüler im Colegio anbieten. Da dieser aber vor allem Aufschluss über das mangelnde Interesse der brasilianischen Schüler an Themen wie Frühschwangerschaften und HIV/AIDS ergab, war das organisatorische Treffen der Gesundheitsgruppen umso wichtiger. So besteht in allen drei Ländern Interesse an einer intensiveren und effektiveren Zusammenarbeit als es sie bislang gab. Mit ein wenig Kreativität ist dafür dann hoffentlich in Zukunft eine gute Basis geschaffen.

 

Ziel des Seminars war es eben nicht nur die jeweiligen Länder kennenzulernen und sich über die Arbeiten auszutauschen, sondern auch nach vorne zu blicken und die zukünftige Zusammenarbeit mit den Projektpartnern zu formulieren. So fand sowohl ein Koordinationstreffen mit allen beteiligten Projektpartnern aus Deutschland, Südafrika und Brasilien statt, als auch ein „weltwärts“-internes Organisationstreffen. Während in dem internationalen Meeting das trinationale Projekt und dessen Evaluation im Vordergrund standen, wurde im „weltwärts“-internen Treffen Platz für unsere konkrete Arbeit hier in Mauá geschaffen. Ich hatte Zeit endgültig Zuständigkeiten und Abhängigkeiten zu klären und mein neues Projekt vorzustellen, das auf breite Zustimmung gestoßen ist.

 

Mehr zu dem Projekt „Grenzgänge“, welches ich ab November hier im Colegio in Vila de Mauá beginnen werde, ist unter einer gesonderten Rubrik (Projekt – Grenzgänge) zusammengefasst.

 

Nachdem in einer Feedback-Runde am letzten Tag des Seminars deutliche Wort gefunden wurden, auch bezüglich der mangelnden Zeit, die der Gesundheitsgruppe eingeräumt wurde, steht fest: in  Zukunft müssen alle drei Länder an einem dauerhaften Austausch arbeiten und nicht nur auf das nächste Treffen hinarbeiten um zu präsentieren, was sie selbst erarbeitet haben -  auch um eine wirkliche Partnerschaft zu beweisen.

 

Auch wenn im Nachhinein viel evaluiert werden muss, sollte nicht vergessen werden:  Alle beteiligten Peer Leader haben trotzdem eine tolle Arbeit geleistet.

 

Während aller organisatorischen Aspekte des Zusammentreffens blieb zur Freude aller immer noch genug Zeit für einen Ausflug in den Nationalpark von Itatiaia, eine Wanderung durch die Region von Visconde de Mauá inklusive Kuhmelken und der Besichtigung des ersten Hotels in der Region – das von einer deutschen Familie gegründet wurde, einen Ausritt auf Pferden durch die Berge der „Serra da Mantiquera“ und eine gelungene Abschiedsparty im Colegio, am Donnerstag.

 

Zum Schluss lässt sich vielleicht noch sagen, dass ich froh bin, dass so viele Dinge ins Rollen gekommen sind, meine eigene Arbeit nun beginnen kann und ich endlich wieder portugiesisch sprechen kann. Es war schon ein komisches Gefühl nach zwei Monaten auf einmal wieder nur noch deutsch um sich zu hören – da fehlte mir irgendwie ein Stück brasilianische Authentizität.

 

 

Donnerstag - 10. September 2009

Arbeit mit den Globo-Scouts und der Umweltgruppe läuft an

 

Nachdem im Colegio Estadual Antonio Quirino endlich der Alltag eingekehrt und auch die kurzzeitig eingestürzte Brücke zwischen Mauá und ein paar Nachbardörfern repariert ist, beginnt nun auch die Arbeit mit Schülern in den Peer-Leader Gruppen.

 

Bis zum Oktober und dem Besuch der deutschen Peers hier in Brasilien bleibt nicht viel Zeit. Dann wollen die deutschen Jugendlichen die Arbeit der Brasilianer begutachten und ihre Eigene vorstellen.

 

In beiden Ländern arbeiten die Jugendlichen zur Zeit intensiv an Präsentationen um fremden Menschen ihre Heimatregion vorzustellen und näher zu bringen. Dabei lernen Sie selber viel über ihre Heimat und deren Geschichte kennen.

 

Hier am Colegio in Mauá wird diese Präsentation drei wesentliche Themen beinhalten:

 

1)      Präsentation verschiedener Persönlichkeiten mit unterschiedlicher Vita und vielseitigen Verbindungen mit der Region

 

2)      Vorstellung der für die Region typischen Arbeiten

 

3)      Erstellung von Profilen typischer Dorfbewohner:

 

a.       Kind

 

b.      Jugendlicher

 

c.       Erwachsener

 

d.      Rentner

 

Dazu haben die Peers der Globo-Scouts Gruppe in den vergangenen Wochen viele Gespräche und Interviews mit Einwohnern aus Visconde de Mauá geführt und für jede der aufgezählten Altersgruppen eine fiktive Person erarbeitet, deren Geschichte möglichst viele Übereinstimmungen, mit den sich aus den Interviews ergebenen Erkenntnissen, beinhaltet.

 

Begleitet wird dieser dritte Arbeitsabschnitt von bildlichen Eindrücken, passend zu den Profilen, die ebenfalls in den letzten Wochen entstanden sind.

 

 

Parallel zur Arbeit der Globo-Scouts läuft auch die Arbeit der Gesundheitsgruppe an, wobei einige der Gesichter engagierter Schüler die Selben sind. Mit der „grupo de saúde“ planen wir derzeit einen Workshop für Schüler in den Altersgruppen 11-13 Jahre und 14-17 Jahre. Mit einem provokanten Titel: „Sex ohne Tabus“ sollen möglichst viele Schüler zu dem Workshop, der im Rahmen eines allgemeinen Projekttages stattfinden wird, gelockt werden.

 

Gemeinsam mit den Schülern sollen während der Workshops Tabu-Themen wie bspw. Frühschwangerschaften, die in der Region Visconde de Mauá keine Seltenheit sind, diskutiert werden, die in großen Teilen der Gemeinde hier, verdrängt werden und unausgesprochen bleiben.

 

Aus den Reaktionen der Schüler wird die Gesundheitsgruppe versuchen Schlüsse über den allgemeinen Stand der Aufklärung der Kinder und Jugendlichen zu ziehen um dementsprechend die Arbeit und Projekte für das kommende Jahr zu planen.

 

 

Montag - 31. August 2009

Brasilianische Taufe

 

Gestern fand hier in Vila de Mauá, auf dem Festplatz, die alljährliche Batizado, die Taufe der Capoeiristas, unter sonnigem Himmel statt. In der Capoeira, der brasilianischen Tanz-Kampf-Akrobatik, werden anstelle von Gürteln, wie man sie aus dem Judo oder Karate kennt, bunte Kordeln verliehen. Einmal im Jahr haben die Kids also die Möglichkeit ihre Fähigkeiten ihrem Mestre, dem Capoeira-Meister und weiteren geladenen Professoren zu beweisen.

 

Der Sport ist tief verwurzelt in der brasilianischen Geschichte und geht zurück bis in die Zeit der Verschiffung von Sklaven aus Afrika nach Brasilien. Dort, wo den Plantagenarbeitern jeglicher Waffenbesitz verboten war und auch das ausüben von Kampfsportarten nicht erlaubt war, entstand, getarnt als Tanz, die heutige Capoeira. Die Kordeln, die den Schülern heutzutage verliehen werden, symbolisieren die Ketten, welche die Sklaven früher einst zu tragen hatten.

 

Nach stundenlangem Spielen und der Verleihung der Kordeln, wurde nur kurz die Lokalität gewechselt um der Lieblingsbeschäftigung der Brasilianer nachzukommen: dem Grillen. Wieder gab es stundenlang zu essen und zu trinken. Auch Samba wurde getanzt - nur diesmal im Stile der Capoeira. Ein Junge fordert ein Mädchen auf mit ihm zu tanzen, während die restlichen Capoeiristas und Verwandten einen Kreis um sie bilden, singen und Musik spielen. Nun versuchen die anderen Jungs und Männer dem tanzenden Mädchen oder der Frau zu beweisen, dass sie doch die besseren, charmanteren und attraktiveren Tanzpartner seien. Es entsteht ein rivalisierendes Spiel um die Gunst der Dame, wobei die männlichen Kontrahenten nicht nur einmal, durch kleine Fußfeger oder Beinscheren, auf dem Boden landen. Jedoch bleiben auch die Mädchen und Frauen bei diesem Spiel nicht ganz unbeteiligt. Wenn es einer der weiblichen Spieler zu langweilig wird oder sie wiederum mit einem der Männer tanzen will, die gerade um die Gunst eines anderen Mädchens raufen, dann befördert sie die umworbene Tänzerin ihrerseits mit einem gekonnten Hüftschwung aus der Mitte des Kreises in die Zuschauermenge und schafft sich somit die gewollte Aufmerksamkeit.

 

Es mag für außenstehende ein wenig seltsam ausschauen, doch es macht unendlich viel Spaß und ist, so finde ich, sehr ästhetisch anzusehen.

 

Nach der Capoeira und der „Samba de Roda“, blieb dann auch irgendwann der Grillrost leer und die eingeladenen Capoeiristas aus den umliegenden Städten und Bundesländern traten ihre Heimreise an. Für ein paar von uns ging es noch in ein paar Bars im Dorf und anschließend mit Pizza unterm Arm gen heimwärts, aber auch dort löste sich die Gruppe bald auf, da jeder, der tagsüber gesungen, getanzt, gespielt und gegessen hatte, völlig übermüdet, aber überglücklich nur noch ins Bett wollte.

 

 

 

Donnerstag - 27. August 2009

"Resende hat keine Favelas"

 

Es gibt Bilder, die man nicht mit der Kamera festhalten kann – und es gibt Bilder von denen man es nicht will. Dies sind die Eindrücke, die einem im Gedächtnis bleiben.

 

Zusammen mit ein paar Mitarbeitern des Sozialamtes von Itatiaia stieg ich in einen alten VW T2 Bus und war anstatt mit Kamera ausnahmsweise nur mit einem kleinen Notizbüchlein unterwegs um die  Favelas von Resende kennen zu lernen. Sie grenzen direkt an den im Tal liegenden Stadtkern und reichen bis an die Hänge der umliegenden Gebirgskette. Die Hauptverkehrsstraße zwischen São Paolo und Rio de Janeiro trennt sie in zwei Hälften. Sie tragen edle Namen wie „Vila de Esperança“ (dt. Dorf der Hoffnung) oder Campo Alegre, was soviel bedeutet wie „Das freudige Land“. Zu sehen ist von Freude oder Hoffnung jedoch nicht viel.

 

Ich habe eines der Schiebefenster geöffnet und blicke hinaus, als sich die Tür einer der Behausungen aus Holz und Wellblech öffnet und mich ein Mädchen anschaut, das nicht viel älter sein kann, als ich selbst. Sie liegt auf einer Holzpritsche direkt hinter der Tür und starrt hinaus. Unsere Blicke treffen sich nur kurz, da der kleine Bus unbekümmert weiterrollt – vorbei an den Schicksalen und Geschichten, die sich hinter diesen Türen verstecken. Ich fühle mich unwohl in dem Wagen, da ich mir vorkomme, als wäre ich Teilnehmer einer snobistischen Sozialtourismus-Reisegruppe, obwohl ich weiß, dass meine Situation eine Andere ist.

 

„Wie viele Menschen leben hier?“, fragt Rebekka. „Das weiß niemand genau…“ – eine ernüchternde Antwort. Es gibt angeblich Bestrebungen eine Art Volkszählung auch in den Favelas durchzuführen, doch wie viel diese Bestrebungen für die Menschen hier mit sich bringen, kann niemand wirklich sagen.

 

Als ich mit einem der Begleiter über die Zustände in den Favelas sprach wurde ich sofort zurückgewiesen: „ Resende hat keine Favelas!“ Hatte ich richtig verstanden? Er wiederholte, was er bereits zuvor behauptet hatte: „Resende não tem favelas!“. Er merkte mir meine Verwunderung an und machte mir klar, dass man hier nicht von Favelas spricht. Der Junge, der gerade Englisch lernt um nächstes Jahr in England zu studieren erklärte mir, dass das Leben hier verhältnismäßig noch sehr ruhig sei. Wer hier von Favelas spricht, meint Zustände wie in São Paolo oder Rio, in denen Gewalt und Drogen das Leben noch krasser kontrollieren als hier. Das Menschen noch viel elender wohnen können, als an diesem Ort scheint für mich persönlich jedoch schwer vorstellbar.

 

Ein paar Minuten später hält der Bus und lässt einen weiteren Passagier einsteigen, der, wie sich später herausstellt Pastor ist und wie viele andere Institutionen und Ehrenamtliche versucht, den Menschen die Wichtigkeit von Gesundheit und Zusammenhalt vermittelt. Die Menschen hier leben sehr eng zusammen wird uns erzählt. Die Wenigen von ihnen, die das Glück haben arbeiten zu können, müssen ihre Nachbarn und Verwandten, die keinen Job und kein Geld haben, irgendwie mit durchbringen. Die Menschen in diesen Vierteln leiden unter dieser extremen Armut, sodass viele evtl. auch aus Frust zu Drogen greifen oder gewalttätig werden.

 

In wie weit wir an dieser Stelle helfen können ist mir noch nicht bewusst – wahrscheinlich gar nicht – so ernüchternd es klingen mag. Die Situation ist einfach unendlich kompliziert. Zwar hat das Sozialamt in Itatiaia viele Einrichtungen für die Menschen geschaffen in denen wir auch arbeiten könnten, doch scheint kaum jemand präventiv zu versuchen die kommende Generation vor einem solchen Leben zu bewahren. Gestern habe ich mich darüber mit dem Mestre Claudio, einem Capoeira-Lehrer aus Resende und seinem Sohn unterhalten. Der Mestre arbeitet ebenfalls in verschiedenen Kliniken für Psychotherapie und Gesundheit, doch möchte selber in Zukunft auch wieder verstärkt im Präventionsbereich arbeiten, als mit den Menschen, für die es nach seinen eigenen Worten „eigentlich schon zu spät ist“.

 

Das Leben in den Armutsvierteln ist schwer und traurig - trotz allem sind die Menschen der Überzeugung, dass eines Tages alles besser wird. Es mag utopisch klingen, doch die unerschütterliche Hoffnung dieser Menschen ist faszienierend - hier in der „Vila de Esperança“!

 

Freitag - 14. August 2009

Erstes Treffen mit örtlichen Projektpartnern

 

 

Endlich haben die Namen, mit denen wir die letzten Wochen so häufig konfrontiert wurden, ein Gesicht.

Von Visconde de Mauá ging es gestern in die 1,5 Stunden entfernte Stadt Itatiaia, wo wir das erste Mal auf unsere Projektpartner trafen. Nach einer Führung durch die sozialen Einrichtungen vor Ort wurden wir ins Rathaus zum Präfekten gebeten um uns vorzustellen und für das Projekt zu werben. Bedauernswerterweise hat niemand daran gedacht uns einen Dolmetscher zur Verfügung zu stellen, sodass an manchen Stellen das Wörterbuch herhalten musste, da unser Portugiesisch noch nicht "vertragstauglich" ist.

 

Trotz einiger Sprachschwierigkeiten nimmt unser Arbeitsauftrag langsam Gestalt an. An der Schule in Mauá (Colegio Estadual Antonio Quirino - CEAQ) werden John und ich weiterhin im PeerLeader Projekt aktiv sein. Unsere Arbeit wurde jedoch um einen weiteren Aufgabenbereich erweitert. Die brasilianische Regierung hat in diesem Jahr ein Programm zur Förderung von Bildungsprojekten verabschiedet: Pro-Joven soll helfen, das fehlende Ausbildungssystem zu ersetzen.

In Brasilien gibt es keine klassische Lehre. Jugendliche hier beginnen in den meisten Fällen direkt zu arbeiten - ohne Ausbildung. Nur die wenigsten haben das Glück ein Stipendium zu gewinnen oder das Geld für ein teures Studium aufzubringen.

 

Pro-Joven soll den Gemeinden die Möglichkeit geben berufsvorbereitende Maßnahmen für Jugendliche zwischen 15 und 17 zu schaffen. So lernen die Jugendlichen im ersten Jahr viele Dinge im Breich Kultur und Soziales kennen und absolvieren je nach Interessenlage im zweiten Jahr eine Art Betriebspraktikum, das sie auf den Arbeitsalltag nach der Schule vorbereiten soll.

 

Wie genau die Arbeit mit diesen Jugenlichen im nächsten Jahr aussieht, wird sich in den nächsten Wochen hoffentlich herausstellen und bis dahin nutze ich die Zeit um meine neue Heimat kennenzulernen und mich in der portugiesischen Sprache zurechtzufinden.

 

 

Donnerstag - 13. August 2009

Eine Tour zu den Cachoeiras

 

 

Cachoeiras ist das brasilianische Wort für Wasserfälle. Davon gibt es hier in der Region Zahlreiche – und Einer ist beeindruckender als der Andere.

Mit Rodrigo, einem Touristenguide aus einem der Nachbardörfer konnten wir einen Tag lang die nähere Umgebung erkunden und gleichzeitig ein wenig über die Geschichte der Region lernen.

Er hat uns die Flora und Fauna erklärt und uns zu den Forellenzuchtstationen geführt. Als wir dann an einem der Wasserfälle standen und er uns klarmachte, dass wir uns an einem beliebten Sprungbecken der Einheimischen befänden, konnte uns auch nicht das eiskalte Wasser davon abhalten, selbst einmal von den Felsen zu springen.

Man mag den Eindruck bekommen, dass wir mitten im Dschungel leben, und ich selbst hatte diesen Eindruck, als ich unter all den riesigen Pflanzen entlangwanderte, doch es ist noch viel schöner und atemberaubender als alles, was ich mir erträumt habe.

Einige Fotos unserer Tour findet ihr unter der Rubrik Fotoarchiv August. 

 

 

Freitag - 07. August 2009

Willkommensparty in „Villa de Mauá“

 

 

Es waren nur ein paar Stunden, die uns blieben unsere neue Heimat zu erkunden, bevor das halbe Dorf im Garten versammelt war um unsere Vorgänger zu verabschieden und uns drei, die ihre Nachfolge antreten sollen, zu begutachten.

Nach knapp fünf Stunden des Grillens und weiteren Stunden des Tanzens, Quatschens und Kennenlernens waren wir in die Dorfgemeinschaft aufgenommen und haben unsere ersten wichtigen Bekanntschaften gemacht. 

Wir wohnen nun im Nachbarhaus unserer Vorgänger, einem gemütlichen Holzhaus auf zwei Etagen mit einer offenen Küche, einem Wohnzimmer mit Kamin, zwei Schlafzimmern und zwei Bädern. Eine wirklich tolle Unterbringung mit einem einzigen Nachteil: es fehlt jegliche Wärmedämmung.

An dieser Stelle lohnt es sich anzumerken, dass in Brasilien gerade tiefster Winter herrscht und wir auf etwas über 1000 Metern leben. Nachts erreichen wir hier Temperaturen bis um den Gefrierpunkt.

Allerdings erwacht man dafür allmorgendlich in einer friedlichen Welt, wie ich sie so noch nirgendswo sonst erlebt habe. Die Berggipfel liegen noch hinter einigen Nebelschwaden versteckt, wenn die ersten Sonnenstrahlen über sie hinweg scheinen und das ganze Tal in ein orangenes Märchenland verzaubern und die buntesten Vögel anfangen zu singen.

Tagsüber steigen die Temperaturen bis auf 25 Grad und somit habe ich zur Zeit immer noch Schwierigkeiten mich an das neue Klima zu gewöhnen. Auch die Tageszeiten machen mir zu schaffen, da die Sonne hier erst um 8:00 Uhr aufgeht und bereits um 18:00 Uhr wieder verschwunden ist.

Ich werde mich also noch an einige Dinge gewöhnen müssen, bevor ich hier wirklich ankomme, aber in einer Welt wie dieser ist es für mich unmöglich, mich nicht wohl zu fühlen.

 

 

Montag - 27. Juli 2009

Auf unserem Sofa hat sich meine Familie versammelt. Mein Bruder hat seine Freundin im Arm. Sie sitzen gemeinsam mit meiner Mutter davor. Alle lächeln in die Kamera.

Der erste Abschied liegt hinter mir. Gestern kam noch einmal (fast) die ganze Familie zum Frühstück zusammen und verabschiedete mich, da es in 10 Tagen ab in den Flieger geht.

An dieser Stelle eine gute Besserung an meinen Cousin Maik, der dank einer Gehörgangsentzündung leider nicht dabei war. Ich wünsche dir alles Gute für das nächste Jahr.

 

Trotz der knappen Zeit ist immer noch reichlich zu erledigen. Zum einen gibt es noch Unklarheiten bzgl. meines Fluges und auch die letzte Impfung muss morgen noch ihren Weg in meinen Arm finden.

-Habt ihr schon einmal versucht euch in Hannover gegen Gelbfieber impfen zu lassen? - es gibt Schöneres kann ich euch sagen.

 

Wenn dann nächste Woche endlich alles erledigt ist, freue ich mich auch auf die Ausreise - ich hätte nicht gedacht, dass die Vorbereitungen so viel Zeit in Anspruch nehmen würden - aber letztendlich ist das auch nebensächlich, wenn man bedenkt wie ich dafür entschädigt werde.

 

Es ist also Zeit sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, was denn nun alles in den Koffer soll. Brauche ich noch ein paar Wanderstiefel? Brauche ich vielleicht noch einen Trecking-Rucksack?

 

Der Countdown läuft also bereits - und ich freue mich auf das was kommt!!

 

 

03. -12. Juli 2009 Vorbereitungsseminar im Tagungshaus Drübber

Tagungshaus Drübber

Ein Ort an dem Kinderträume wahr werden - und junge Menschen auf das Leben in fremden Kulturen vorbereitet werden sollen.

Im Tagungshaus Drübber (Dörverden), einem Spielehaus mit über 5000 Gesellschaftsspielen (Weltrekord), Billardtisch, Tischtennisplatte, und co. fanden sich die letzten zehn Tage 13 junge Menschen ein, die sich die nächsten zwölf Monate ihres Lebens in Entwicklungs- und Schwellenländern engagieren.

Organisiert wurde das zehntägige Vorbereitungsseminar in der skurilen Umgebung vom VNB (Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen), die als Entsendeorganisation junge Freiwillige nach Südafrika, Brasilien, Indien, Tansania, Ghana und Bolivien entsendet.

 

Mit Freiwilligen aus dem ganzen Bundesgebiet habe ich viel über interkulturelle Kommunikation gelernt und habe erste konkrete Projektideen sammeln können.

Mit einem super Dozenten aus Hannover haben wir auf anschauliche Weise gelernt was es heißt, mit Vorurteilen konstruktiv zu arbeiten und daraus neues Wissen über fremde Menschen zu erlangen. Unterricht dieser Art hätte ich mir während des Seminars mehr gewünscht, da einige der anderen Arbeitsaufträge eher denen einer Selbstfindungsgruppe ähnelten, als dass sie mich ernsthaft auf meine bevorstehende Arbeit vorbereiten. Hier müssten beim nächsten Mal sicherlich auch Vertreter der Nordpartner stärker eingebunden werden um den Freiwilligen das nötige projektspezifische Input geben zu können. So hatten einige der Freiwilligen nach dem Seminar immer noch keine genaue Vorstellung was sie genau in ihrer Wahlheimat erwartet.

 

Gemeinschaftlich wurde in dem Selbstversorgerhaus aber nicht nur an globalen Kommunikationsschwierigkeiten getüftelt, sondern auch leidenschaftlich gekocht - natürlich super gesund - nur wurde dabei leider häufig die grüne Beilage mit dem Hauptgericht verwechselt...

 

Auch wenn mir während des Seminars eindeutig die Struktur gefehlt hat, so kann man doch sagen, dass mich viele Inhalte, gerade die der interkulturellen Kommunikation, neugierig gemacht haben, was das kommende Jahr alles mit sich bringt.

 

 

Sonntag - 05.Juli 2009

Geschafft - nach einem unglücklicherweise gescheiterten ersten Treffen mit Reinhard Kroll vom Anzeiger Verlag Hannover, konnte ich ihm vergangene Woche in einem persönlichen Gespräch doch noch eine Menge über mein Projekt erzählen.

Sicherlich kann man in einer Stunde nicht jedes Detail erörtern, doch Herr Kroll hat sich weitaus mehr Zeit genommen als vorgesehen war um einen möglichst tiefen Einblick in meine Arbeit zu gewinnen.

Das Ergebnis dieser tollen Unterhaltung hatte ich also eine Woche später im Briefkasten. Aufgeschlagen - schwarz auf weiß, mit Foto in Farbe - ein rundum toller Artikel.

 

Natürlich ist auch dieser Artikel als Download verfügbar. Viel Spaß beim Lesen und herzlichen Dank an Herrn Reinhard Kroll.

Download
Zeitungsartikel in der Hallo Sonntag
Herzlichen Dank an Herrn Kroll vom Anzeiger Verlag in Hannover, der mir dabei hilft meine Arbeit in die breite Öffentlichkeit zu tragen.
Sicherlich wird dieser erste Artikel nicht der Letzte sein, de
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Aktuelles

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Montag, 08. März 2010


Brasilien:



-Quartalsbericht Nr.2

(Bericht von Nico online)


- Kochbuch international

DA GEHT WAS...

(Bericht von Nico online)


Nico Schlickum


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Samstag: 7. Dezember 09


Südafrika:


Neuer Bericht und Bilder von Nadia

 

 

 


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